
Warum es gar nicht so einfach ist, ein benutzbares Navigationssystem für Fußgänger zu entwickeln
Navigationssysteme sind aus Autos kaum noch weg zu denken. Die neuen Modelle der Autohersteller werden standardmäßig mit Navigationsgeräten ausgeliefert und mobile Lösungen zum Nachrüsten sind für die breite Masse erschwinglich geworden. Wer einmal die Vorzüge der satellitengesteuerten Routenführung genossen hat, möchte sie nicht mehr missen – kein Nach-dem-Weg-fragen, kein Verfahren mehr. Nur noch diese sanfte, zumeist weibliche Stimme, die sagt wo man abbiegen muss und wie lange die Fahrt bis zum eingegebenen Zielort noch dauert. Diesen Service bieten immer mehr Hersteller von Navigationslösungen nicht nur für Autofahrer, sondern auch für Fußgänger an. Ob als Navigationsgerät mit Fußgängermodus, per PDA oder Handy – die Technologien haben sich weiterentwickelt, vollständig ausgereift sind sie jedoch nicht.
USABILITYtrend zeigt warum die Anforderungen des Nutzers an Fußgänger-Navigation andere sind als bei der Navigation im Auto.
ES GIBT WESENTLICHE UNTERSCHIEDE IN DER NAVIGATION VON FUSSGÄNGERN UND IM AUTO
Die Entwicklung eines Navigationssystems für Fußgänger birgt mehr Schwierigkeiten,als man zunächst vermuten würde. Es liegt nahe, einfach bestehende Systeme aus der Auto-Navigation den Ansprüchen von Fußgängern anzupassen.Doch die Realität ist eine ganz andere. Das beginnt bereits bei den technischen Grundlagen: GPS (Global Positioning System) und das hinterlegte Kartenmaterial bilden die Eckpfeiler der mobilen Navigation in Fahrzeugen. Ohne diese könnte weder die eigene Position in Echtzeit bestimmt, noch eine Route errechnet werden. Das müsste doch auch genauso für Fußgänger funktionieren – müsste. „Bei der Positionsbestimmung von Personen war bei Geräten der ersten Generation oftmals das Signal zu ungenau, konnte beispielsweise zwischen Hochhäusern in einer Fußgängerzone nicht erfasst werden“ beschreibt Frank Hohenschuh, Director Customer Experience bei SirValUse Consulting, die Kinderkrankheiten der Fußgänger-Navis. Mittlerweile kann die neueste Empfänger-Generation jedoch sogar in geschlossen Räumen den Kontakt zum Satelliten aufrecht erhalten.
Eine der größten Herausforderung besteht zudem in der Verbesserung und Entwicklung des zugrunde liegenden Kartenmaterials. Die Auto-Navigation ist auf die Darstellung von Straßen ausgelegt, nicht auf das Angebot von Schleichwegen, Abkürzungen – beispielsweise durch einen Park, oder kleine Gassen. Wenn man sich zu Fuß bewegt, gelten andere Regeln. Die Routenführung
von Adresse zu Adresse macht beispielsweise für Wanderer auf unbefestigten Wegen im Wald überhaupt keinen Sinn – hier reicht es schon aus, die eigene Position und Laufrichtung zu kennen. Auch bekannte Ansagen wie: „In 100 Metern links abbiegen“ würden in Mitten eines Waldes wohl eher verwirren, als hilfreich zu sein. Die Unterschiede zwischen Autofahrern und Fußgängern werden schnell bei der Routenberechnung deutlich. Denn der schnellste oder kürzeste Weg ist für Fußgänger - speziell für Touristen, gar nicht unbedingt immer die optimale Route. Oft wählen diese viel lieber eine interessantere Route, die vielleicht ein wenig länger ist, dafür aber viele Sehenswürdigkeiten (POIs = points of interest) mit einbezieht. Für Fußgänger gibt es zudem auch keine strengen bzw. ganz andere Vorgaben, als für die fahrenden Verkehrsteilnehmer auf den Straßen.
WIE FUNKTIONIERT DIE INTUITIVE MENSCHLICHE NAVIGATION?
Ein Navigationssystem soll für Menschen eine nützliche Hilfe darstellen – ihn bei der Wegfindung und Orientierung
unterstützen. „Um ein benutzbares und geeignetes Navigationssystem für Fußgänger zu entwickeln, muss man zunächst verstehen, wie und woran sich Menschen orientieren, die zu Fuß unterwegs sind“ so Hohenschuh. „Welche Anforderungen und Bedürfnisse haben sie? Welchen Gedankenstrukturen folgen sie auf ihrem Weg zum Ziel und welche Informationen braucht der Fußgänger, um sein Ziel zu finden? Kurz: Wie funktioniert eigentlich die intuitive menschliche Navigation?“
Die Fußgängernavigation ist eine Interaktion zwischen dem Fußgänger und seiner Umgebung. Für die Navigation nutzen Menschen ihre persönlichen Fähigkeiten: räumliche Orientierung und kognitive Fähigkeiten. Ihr Verhalten ist dabei stark von ihrer Umwelt abhängig. So benutzen sie beispielweise für das Finden eines Weges in einer Großstadt andere kognitive Fähigkeiten als bei der Orientierung in einem Gebäude. Nach heutigem Wissenstand navigiert der Mensch von einem Start- zu einem Zielpunkt durch die Einteilung des Weges in mehrere Etappenpunkte. Dabei orientiert man sich entlang der Route an der Richtung und dem Abstand zum nächsten Etappenziel. Besonders wichtig sind dabei die Richtungs- und Orientierungspunkte, die sogenannten Landmarken. Diese erhält man auch bei der klassischen Suche nach dem richtigen Weg: Einen Ortskundigen nach dem Weg fragen. Schließlich werden freundliche Passanten doch auch eher mit „Geradeaus bis zur Kirche und dann links“ antworten als Kilometerangaben oder Himmelsrichtungen zu bemühen.
WAS FUSSGÄNGERNAVIGATION HEUTE KÖNNEN MUSS, SOLL UND WILL
„Damit Navigationssysteme für Fußgänger von diesen akzeptiert werden, sollten sie einfach und intuitiv in der Benutzung und Gestaltung sein. User-Tests mit realer Nutzung sind unbedingt erforderlich für die Entwicklung der Benutzerschnittstelle“ sagt der Customer Experience-Experte. So sei beispielsweise erst im Feld von Probanden festgestellt worden, dass Distanzangaben häufig auf der Luftlinie und nicht auf der Streckenlinie beruhen. Oder dass die Bedeutung bestimmter Markierungen (farbige Darstellung von Routen) sehr unklar ist. User-Tests mit unterschiedlichen Systemen deckten die Stärken und Schwächen der einzelnen Fußgänger-Navis auf. Insgesamt ist die Akzeptanz der meisten Systeme schon relativ hoch, die Erfolgsquote bei der Zielerreichung divergiert allerdings stark. Als schwierig erweist sich nämlich oft der Weg dorthin. Bei einigen Systemen kann die aktuelle Position nicht genau angezeigt werden, was insbesondere ortsfremde Nutzer vollkommen orientierungslos zurücklässt – dies ist insbesondere wichtig, wenn dem Nutzer das System überwiegend als Karte dient. Bei den meisten Systemen zeigt das Kartenmaterial beispielsweise kaum die genaue Position (Höhe, Straßenseite) einer Bushaltestelle in einer Straße an. Bemängelt wird unter anderem auch, dass Richtungswegweiser teilweise unklar sind. Eine automatische Anpassung des Maßstabs wird bei einigen Systemen vermisst. Gewünscht wird eine Möglichkeit zur Anzeige von optionalen Fotos in der Detailansicht für schwierige Situationen, z.B. Hauseingang, Unterführung oder verkehrsberuhigte Wege zwischen verschiedenen Gebäuden.
„Generell kann man sagen, dass Anweisungen und Landmarken den Nutzer nicht überfordern dürfen, also nicht zu detailliert aber auch nicht zu unpräzise sein sollten. Dies könnte beispielsweise der Fall sein, wenn in einer 3D-Ansicht aufwändig gerenderte, solide Gebäude die Sicht versperrten, oder Landmarken maßstabsgetreu und damit zu klein wären, als dass man wichtige Details erkennen könnte“ so Hohenschuh von SirValUse.
Das betrifft ebenfalls die Anweisungen, beispielsweise per sprachliche Ausgabe. Der Nutzer befindet sich meist in einer unbekannten Umgebung, wenn er Navigationshilfe braucht, und möchte oder kann unter Umständen nicht ständig auf den Bildschirm schauen. Eine Navigation ist in den meisten Fällen eine von mehreren nebensächlichen Tätigkeiten.
Das System sollte den Benutzer also nicht von seiner Haupttätigkeit ablenken. Beispielsweise könnte das Ausgabegerät rechtzeitig einen Hinweis per Sprachansage - beispielsweise über Kopfhörer, oder auch Vibration geben, bevor ein Entscheidungspunkt erreicht ist - und damit dem Benutzer mitteilen, dass er sich vom System Hilfe holen kann. So muss dieser nicht die ganze Zeit seinen Blick auf das Gerät richten.
Wie moderne Navigation für Fußgänger funktionieren kann zeigt Nokia. Im Modus „Gehen“ der Nokia-Maps-Software wird eine exakte Standortbestimmung durch A-GPS und Multi-Sensor-Technik (- die Multi-Sensor-Technik beschreibt im Zusammenhang mit Nokia Navigation, den Einsatz verschiedener „Sensoren“ zur genauen Standortbestimmung. Dazu kann das Mobilfunknetz zusammen mit GPS mit Unterstützung von AGPS genutzt werden) ermöglicht. Zu den Positionsmarken gehören Straßennamen, Gebäude und Haltestellen des öffentlichen Nahverkehrs. Während des Gehens wird die Route markiert, um zu sehen, wo man bereits war. Die Karte kann in die eigene Richtung gedreht und geneigt werden. Außerdem kennt Nokia Maps beispielsweise viele Abkürzungen, die einen zu Fuß schneller ans Ziel bringen. Es ist auch möglich, sich direkt zur nächsten U-Bahn-Station führen zu lassen, um auf diese Weise schnell ans andere Ende der Stadt zu gelangen.
Fußgängernavigation kann also funktionieren, allerdings nur, wenn sie zu einem hohen Grad mit der Umwelt übereinstimmt – bzw. auf leicht erkennbare Weise wiedergibt. Wichtige Kriterien für Fußgänger-Navigation sind Kartenqualität und richtig ausgewählte und angezeigte Landmarken und Kreuzungsverläufe. Eine große Schwierigkeit liegt weiterhin vor allem in der Erhebung der Daten – Kartenmaterial über Fußwege, Hauseingänge, etc. liegt kaum vor und genauso wie die Erhebung der Landmarken ist dieser Prozess kaum zu automatisieren. Es gilt also noch immer viele technische Probleme für die Anforderungen der mobilen Nutzungssituation zu lösen.
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